Highway to Hell – einmal durch die Nullarbor von Esperance nach Adelaide und Flug nach Christchurch

January 20, 2016

 

Ich sitze und schreibe wohl in einer der schönsten Büchereien in der Welt! Die New Brighton Library in Christchurch. Ich höre von Air das Album Moon Safari. Warm, trocken und Blick aufs Meer, welches mit 1,5 Meter hohen Wellen bei Regen und Sturm tobt. Hier könnte jeder Mensch Romane schreiben, so inspirierend ist diese Szenerie.

 

Nur ich wohl nicht. Da schau ich aus dem Fenster und sortiere nebenbei Bilder und lasse die bisherigen Erlebnisse Revue passieren. Die letzten 2600 km per Rad, Adelaide, welches ich sehr ins Herz geschlossen habe und der Ankunft in der noch immer stark Erdbeben gebeutelten Stadt Christchurch. Es sind sehr viele Eindrücke und viele Emotionen in relativ kurzer Zeit. Und dies in Verbindung mit der Körperlichen Anstrengung… Wer hat sich nur so ein spannendes, aufregend und schönes Erleben ausgedacht ;-)

Hier ist gerade der perfekte Ort und eine gute Zeit um zu schreiben. In der Nullarbor war kein Netz und Strom und danach am Weg nach Adelaide keine Zeit und Nerv und in Adelaide war sowieso alles wichtiger und schöner wie am Blog zu schreiben...

 

Aber nun mal der Reihe nach:

 

Naturgewalt Feuer - von Esperance nach Norseman

 

Am Tag meiner Abreise von der Farm, lief die Ernte wieder auf Hochtouren und ich habe es mir nicht nehmen lassen ein Paar Bahnen im Mähdrescher mit zu fahren und bei den lieben Nachbarn musste ich auch unbedingt noch auf eine Plausch vorbei. Die Kids sind so Herzig… so ging es dann mit frischen Weihnachtsgebäck in den Sonnenuntergang hinein. Am Highway nach Norseman wurden mir dann die Ausmaße der so viel in den Medien berichteten Brände der letzten Wochen klar und deutlich vor Augen geführt. Wenn alles verbrennt bei diesem Boden, erodiert alles so schnell und der Wind bläst Sand von den Feldern über die Straße. Traurige Bilder! Und sehr beängstigend, wenn man sich vorstellt, wie diese Feuerwalze sich mit 80 km/h durch die Landschaft frisst aber auch schlagartig die Richtung wechselt kann… Ich möchte es nicht Haut nah erleben!

 

Highway to Hell - von Norseman nach Ceduna – Die Nullarbor

 

Einmal durch die Nullarbor! Das war ein Traum, der bei meiner Australienreise vor zwei Jahren geboren wurde: Endlos, immer gerade aus gen Osten. Morgens schauen wo die Sonne aufgeht und in diese Richtung los. Rechts das Meer und links die Wüst und Abends, wenn die Sonne im Rücken unter geht, einfach vom Rad fallen und das Tag ein Tag aus. Ein schier endloses Asphaltband mit ganz viel „Nichts“. Zumindest nicht viel „spannendes“ nur ganz viel Hitze. Temperaturen bis zu 45 Grad und kein Schatten in Sicht. AC/DC hat die Fahrt mit dem Tourbus durch die Nullarbor zu dem Song „Highway to Hell“ verholfen ;-)

 

Doch was war die Nullarbor wirklich für mich?

Erstmal 1200 km kein Supermarkt und mit nur 10 Tankstellen dazwischen. Kürzeste Entfernung zwischen 2 Tankstellen ist 12 km und die längste Entfernung zwischen 2 Tankstellen ist 188 km. Und 800 km bis zur Quarantäne Grenze für frische Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Nüsse etc.. Um diese Jahreszeit ist die Hauptwindrichtung Südost, also potenziell Gegenwind. Und das Thermometer zeigt in Norseman 38 Grad, Tendenz steigend! Ergo: Essen für 12 Tage und Wasser für bis zu 3,5 Tage. Ich verlasse Norseman mit solch lustigen Sachen im Gepäck wie: 2 kg Müsli, 1 kg Äpfel, 1 kg Orangen, 1 kg Trockenfrüchte, 2 kg Pasta, 0,5 kg CousCous, 0,5 kg Kartoffelpüree, 0,5kg Nüsse, 0,5kg Getränkepulver und 25 Liter zum Trinken (Alkoholfrei :-) Wie ich aus dem Supermarkt komme, frage ich mich noch, wie ich das alles auf Annie verstauen soll aber es dauert nicht lange und die frisch gewaschene Wäsche ist auch noch auf den vollen Taschen drapiert. Kurz noch an der Tankstelle Luft prüfen und den 1Liter Tank für den Benzinkocher voll machen. So bepackt war ich noch nie! Und selbst mit solcher Last kommt Annie nicht ins schlingern sondern lässt sich immer noch bequem und sicher auf dem Triathlon Lenkeraufsatz steuern. Ich liebe dieses Rad wirklich!

 

Also auf in das Abenteuer Nullarbor! In Richtung West nach Ost kommt mit Norseman – Balladonia gleich als erstes das längste Stück (188km) ohne Infrastruktur und ich frag mich schon, auf was ich mich da eingelassen habe. Kurz hinter Balladonia kommt auf dem Weg nach Caiguna das berühmte „90 Mile Straight“ Stück und das Termometer zeigt 42 Grad im Schatten. 145 km Asphalt zwischen 2 Kurven. Super – die längste Gerade in Australien! Da bin ich Mittags in die Gerade gebogen, immer gerade aus bis zum Sonnenuntergang und am nächsten Tag wieder bis zum Sonnenuntergang geradeaus. Und dann, endlich Kurve! Ich hatte schon fast vergessen, das es Kurven überhaupt gibt und mich an ein geradliniges Leben gewöhnt. Aber zum Glück kam da diese Kurve und ich konnte wieder meinen Weg mäandern ;-)

 

So schauen „90 Mile Straight“ aus mit ca. einem Bild je Stund:

Aber eine Achterbahn wird der Eyre Highway danach auch nicht. Es geht gen Osten dahin. Euphorie und Zweifel wechseln sich ausgeglichen. Die Grundstimmung ist aber gut. Die Vegetation ändert sich stetig und die Tierwelt ist schon teils sonderbar. Die Bäume werden kleiner und kleiner und ich bewege mich nur noch durch Bonsai Wälder und höre dazu Gullivers Reisen als Audiobook. Nicht nur dies, ich höre Audiobooks über Geschichte Deutschland, Europa – Politik, Kunst, Musik und Philosophie bis ich es fast auswendig kann… aber auch Märchen wie 1001 Nach und Werke von Mark Twain, Oscar Wilde oder Erich Kästner… Das machen alle so in der Nullarbor. Ein Audiobook hören, das Steuer gen Osten und einen Stein auf das Gaspedal ;-) Sehr viel Zeit zum Hören und Nachdenken. Wann hat man schon mal die Möglichkeit, ein Album von Pink Floyd 5 mal hintereinander zu hören und die Kulisse bleibt trotz stetiger Bewegung die selbe Gleiche. Da kommen immer wieder neue Nuancen heraus…

Es geht gut dahin und ich fühle mich wohl auf diesem Asphaltband. Die riesigen Roadtrains sind kein Problem. Sie sind professionelle Kraftfahrer und gut Einschätzbar. Touristen mit Caravan sind da schon eher eine Herausforderung. Aber ich bin mit meinen Augen zu über 50 % im Rückspiegel und wenn es grenzwertig wird, mach ich mich einfach von der Straße. Das passiert aber nicht viel öfter wie ein zwei mal am Tag. Super easy und chillig geht’s dahin. Nur mit dem Wind habe ich manchmal zu kämpfen und dann geht nicht mehr wie 12 km/h im Schnitt und ich habe Regen. Ich hatte echt 3 Tage und eine Nacht Regen auf die Strecke durch die Nullarbor verteilt. Der Erste Regen begann mit einem Unwetter in der Dämmerung und ich habe echt im Zelt gebetet: Lieber Gott, ich will nicht von einem Blitz erleuchtet werden! Das Gewitter war direkt über mir. Für circa 2 Stunden konnte ich von Blitz bis Donner bis maximal 3 zählen und das in der totalen Brett gleichen Ebene. Ich habe mir nicht getraut aufzustehen und habe die Fotos im liegen geknipst und bin in der Hocke wie eine Ente herum gegangen. Was für ein Bild muss das für einen Beobachter gewesen sein :-) Aber ich hatte echt schiss! Zumal die meisten Buschbrände durch Blitzschlag ausgelöst werden.

Doch das Unwetter legt sich und bei herrlichstem Sonnenschein und 30 Grad erreichte ich dann den Madura Pass. Dort gibt’s neben einem atemberaubendem Ausblick eine 150 m Höhenmeter Abfahrt zur Abwechslung. Am Pass bekomme ich getrocknete Aprikosen geschenkt. „Wir sind in einer Stunden an der Grenze und würden die Aprikosen dort entsorgen aber du brauchst wohl noch 2 Tage, nimm und iss bitte gern. Das Gibt dir Energie zum Radfahren“, Sagte das nette Mädchen und ich esse… keine 2 Stunden später meldet sich mein Bauch und ich springe vom Rad während ich mir die Hosen herunter ziehe… Okay, ich weiß jetzt wie es ist, keine 10 Meter neben der Straße in einer Baumlosen Zone zu hocken, die Autos und Trucks Hupen und Winken wie immer freundlich nur ich winke diesmal mit Klopapier in der Hand zurück… und das ganze bei aufziehendem Unwetter und ich schaue in die Wolken und hoffend: bitte lass es jetzt nicht regnen! Monty Python könnte es nicht besser inszenieren :-)

 

Der nächste Regen war dann aber der Tag zum Nullarbor Roadhouse. Den ganzen Tag Landregen und Gischt von den Roadtrains bei höchstens 20 Grad. Am Nullarbor Roadhouse war ich echt froh, für 1 $ eine Warme Dusche zu haben. Am Abend legte sich der Regen und um so schöner war dann das Zelten in der Baumlosen Zone nahe einer Karsthöhle. Dort war es sehr schön die Vögel und Insekten zu beobachten. Der nächste Regen war dann zu Heilig Abend nahe Yalata, mitten in einem großen Aborigines Gebiet – recht romantisch aber sehr einsam und doch besinnliches Fest für mich. Ich hatte kleine Weihnachtsgeschenke von der Familie Hart und den Towell´s bekommen. Diese durfte ich natürlich erst am 24. öffnen. Der Schoko Riegel war noch flüssig und die Britische Karamell ein unförmiger Klumpen. Aber die kleinen Zettel mit Weihnachtsgrüßen von jedem einzelnen waren herzig! Ich habe mich sehr gefreut. Und in Gedanke war ich nach dieser kleinen Bescherung bei meinen Lieben in der Heimat. Ich bin mir sicher, dass die ganze Familie endlos Schluckauf hatte ;-)

 

Doch die Nullarbor war noch nicht durchquert. Der Gegenwind, den ich immer wieder hatte, hat mich 2 Tag mehr Zeit gekostet wie erwartet. Ist schon gut, immer etwas Reserven einzuplanen aber trotzdem musste ich in einem Roadhouse Essen für einen Tag kaufen. Die 2 Burger und 10 Müsliriegel kosteten satte 85$. Zum Glück waren die letzten 3 Roadhouses wegen der Feiertage geschlossen und so erreichte ich Ceduna mit keiner einzigen Kalorie in den Taschen. Mein Gott, war das Fahrrad auf einmal wieder leicht. Es ist schon unglaublich, welch Lebensmittel Kaufrausch man erleben kann in solch einer Situation. Okay Supermarkt, 150 $ später habe ich mir ein 5 Gänge

für Menü zubereitet und ca. 3,5 Stunden mit schlemmen verbracht, lecker war´s!

 

 

 

Auf dem Weg durch die Nullarbor hatte ich immer wieder schöne Momente. Alle Grüßen, Winken oder Hupen… im Durchschnitt bekomme ich mindestens einmal am Tag Wasser und/oder Essen angeboten. Ich nehme außer original verpackten nichts und auch das eher selten ;-) Aber sehr freundlich und nett alles in allem. Auch die Road Trains, speziell wenn sie mit ihren mörderisch lauten Fanfaren grüßen.

Aber das lustigste sind die Schuhe. Immer wieder liegen Schuhe am Straßenrand und mir ist es echt ein Rätsel, wie die da hin kommen.

 

 Der letzte Ritt bis Adelaide - Küste, Silvester und endlich wieder Berge!

 

Eigentlich wollte ich von Ceduna schnell mit Rad nach Port Augusta und per Zug oder Bus nach Adelaide und dort mit alten Bekannten Silvester feiern. Doch fehlte mir ein Tag bei diesem Gegenwind und ich hatte ja am Munda Biddi Trail nette Leute aus Port Lincoln kennen gelernt. Also folgte ich deren Einladung und war gespannt, wie sich der Rutsch ins Neue Jahr so gestalten wird. Erstmal war es wegen des Gegenwindes ein beschwerlicher Weg nach Port Lincoln und ich Hinterfragte das Vorhaben mehrmals. Aber bis auf den Gegenwind war es ein traumhaftes Naturerlebnis entlang der Küste.

 

In Port Lincoln dachte ich eher an etwas Entspannung aber es kam ganz anders. Kaum angekommen, ich hatte eine gute Dusche und habe meine Wäsche gewaschen. Da meinten schon Jessica und Rafael, los schnell.… Okay, Zelt und Schlafsack geschnappt und rein ins Abenteuer!

Zuerst mal BBQ bei echt netten Freunden, die mich herzlich willkommen hießen. Und Lecker war es! Kaum aufgegessen ging es ans Wasser und auf zum Segeltörn! Unglaublicher schöner Sonnenuntergang und rechtzeitig zum Anstoßen auf das Neue Jahr erreichten wir einen Strand im Nationalpark wo Freunde der beiden campierten. Super Abenteuer! Traumhaft war es am nächsten Morgen per Wind gen Hafen zu segeln, kreuzen,kreuzen und nochmals kreuzen. Manchmal ist Zig Zag der kürzeste Weg von A nach B ;-)

 

Nach diesem schönen Erlebnis freute ich mich aber sehr, wieder mit Annie die Straßen zu erobern und so ging es über Port Augusta nach Adelaide. Auf dem Stück bis Port Augusta begleitet mich die Eisen Industrie – Bergbau und Kraftwerks ähnliche Fabriken - aber mit ganz viel nichts dazwischen. Nahe Port Augusta werden aber die Ausläufer der Flinders Range am Horizont sichtbar. Berge! Endlich wieder Berge! Wenn es nach oben geht, muss es irgendwo wieder runter gehen. Und das ist gut so! Bei Gegenwind ist das nicht so ;-) Ich nehme die B82 (Horrocks Highway). Sehr ruhig und landschaftlich sehr beschaulich Ecke. Zwischendurch geht es durch das Clare Valley am Riesling Trail entlang. Nur nicht anhalten… Der Wein ist Weltklasse und ich unterhalte mich kurz mit einem Weinbauern am Weg. Er hat mich zwar auch sein Gut eingeladen doch wurde ich ja schon in Adelaide erwartet. Durch die Nullarbor habe ich immer einfach gleich nahe der Straße gezeltet aber hier finde ich immer wieder traumhaft verschlafene Spots zum campen. Sehr schöne Gegend. Die letzten 30 km nach Adelaide nehme ich den Zug um mir den Verkehrsstress zu ersparen. In Adelaid treffe ich dann meinen guten Freund Joey mit der halben Familie im gewohntem Pub und wir stoßen auf die Durchquerung der Nullarbor an.

In Adelaide verging dann die Zeit so rasend schnell! Mein erster Weg führte in die Bike Kitchen. Annie checken und umsorgen. Die Trockenheit hatte ein paar Risse im Bambus zu Folge, welche aber unkritisch und leicht zu reparieren waren. Und so bekam Annie mit vereinten Kräften einen Rundumservice. Darauf folgte gleich ein zweiter Bike Kitchen Tag. Große auf- und umräum Aktion zur Jahresneueröffnung. Und in der Woche gleich noch ein dritter Gang in die Bike Kitchen zum Werkstattbetrieb und Ende der Woche nochmal Bike Kitchen um Annie für den Flug zu zerlegen. So viel Bike Kitchen… Da war kaum Zeit zum entspannen, zumal auch noch ein paar Besorgungen anstanden. Und die Routen für Neuseeland sowie ein günstiger Ausreiseflug sollten auch noch geplant werden. Alles in allem war es eine schnelle und etwas stressige Woche mit kaum Rad fahren und viel Auto fahren. Aber es ging sich alles bis auf Museumsbesuch und Blog schreiben aus.

 

 

 

Nun bin ich gut in Christchurch,Neuseeland gelandet und zelte bei einem Fahrrad Enthusiast im Garten und das 10 Minuten Gehweg von der Bücherei. Alles in allem war Australien super. Es waren erlebnisreiche 4000 Kilometer mit 22800 Höhenmetern und 240 Stunden im Sattel. Der ganze Spass hat rund 25 Euro am Tag gekostet (exklusive Flug und Versicherung). Mal schauen was Neuseeland so kann ;-)

 

 

 

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